Das Projekt in Kurzform
Die Literatur des Basler Piccolos machte in den letzten Jahren eine immense Veränderung durch. Während noch vor circa 100 Jahren typischerweise Militärmärsche und arrangierte Volksmelodien gespielt wurden, fliessen in der Nachkriegszeit verschiedenste Musikstile in die neueren Kompositionen mit ein. Vielen Fasnächtler*innen ist heutzutage weitgehend unbekannt in welcher Fülle Musikstücke über etliche Jahre für das Basler Piccolo geschrieben wurden. Viele dieser Musikstücke wurden niemals offiziell verlegt und waren somit für das Gros der Pfeifer*innen unkäuflich oder verschwanden nach ihrer (Ur-)Aufführung an einer Vorfasnachtsveranstaltung in den Schubladen der Komponist*innen.
Auf dieser Webseite können Sie nach verschiedenen Märschen, Zierstimmen oder Basstimmen suchen und diese nach möglichkeit auch anhören oder als PDF herunterladen. Klicken Sie dazu einfach auf die gewünschte Kategorie im Menü und beginnen Sie mit dem Stöbern.
Das Basler Pfeifen, die etwas längere Kurzform
Das Pfeifen gehört heute neben dem Basler Trommeln auch zu den bekannten, typischen Basler Traditionen. Allerdings hat das Pfeifen in der Stadt Basel eine weit weniger spektakuläre Entwicklung durchgemacht, als das Basler Trommeln. Es geht sogar so weit, dass die Pfeiferkunst wie sie in Basel gepflegt wird, oft gar nicht als typisch baslerisch angesehen wird.[1] Denn in Europa wird schon lange gepfiffen; unteranderem ist bekannt, dass Ludwig XIV die Pfeifer- und Trommelkunst und ihren Wohlklang enorm schätzte.
Sowohl in den königlichen Garden in London, als auch in jenen von Kopenhagen wirken traditionellerweise Pfeifer und Trommler mit. Selbst im benachbarten Deutschland war diese Tradition bis während des Zweiten Weltkrieges in der Infanterie anzutreffen.[2]
Im 18. und 19. Jahrhundert verschwand das reine Pfeifen und Trommeln in den europäischen Armeen und wurde immer mehr von Blasmusiken verdrängt. So entschwanden auch das Pfeifen und Trommeln in der Schweiz zusehends, ausser in Basel, im Kanton Waadt und in Teilen des Kantons Wallis. An diesen Orten wurde diese Tradition weiterhin bewahrt und gepflegt.[3]
Es scheint also kaum zu überraschen, dass in den ältesten Fasnachtsmärschen, welche auch oft als Klassiker der Basler Fasnacht bezeichnet werden, fremde Einflüsse Einzug hielten. In den «Alten Schweizermärschen» werden beispielsweise mitunter deutsche oder holländische Melodien verwendet.[4] Weitere externe Einflüsse sind bei Märschen wie der «Pfeifer-Retraite» oder dem «Saggodo» (frz.: sac au dos) klar erkennbar, da diese direkt von ihren französischen Vorbildern kopiert worden sind.[5] Ebenfalls der 1883 erschienene «Arabi»[6] verwendet keine einheimischen Schweizer Melodien, sondern greift auf alte, englische Militärmärsche zurück. All diese Märsche gehören in unserem heutigen Verständnis ganz selbstverständlich zur Basler Fasnacht und den klassischen Basler Piccoloklängen.
Lange hörte man also vorwiegend Melodien aus militärischem Hintergrund, welche meist ein- oder zweistimmig gespielt wurden. Die erste grosse Neuerung kam im Jahre 1911 mit der Einführung der Dreistimmigkeit.[7] Der Komponist Karl Roth war einer, der dies änderte; Er komponierte 1911 seinen ersten Marsch: den «Elfer». Dieser war in der Fasnachtsszene gern gehört und deswegen sehr erfolgreich. Danach folgten mehrere Märsche aus der Feder von Karl Roth, welche teilweise heute noch von einigen, alteingesessenen Cliquen gepfiffen werden. Diese ersten neuen Kompositionen, hielten sich jedoch weitgehend an die historisch vorgegebene Marschform.[8] Diese Art von «traditionellen Fasnachtsmärschen» wurde von den weiteren Generationen gepflegt und das Repertoire wuchs durch andere Komponisten, wie beispielsweise Fritz Grieder oder Walti Saladin stetig weiter.[9]
Der nächste grosse Meilenstein war der sogenannte «Whisky-Soda» von Lukas «Cheese» Burckhardt aus dem Jahre 1958. Dieser Marsch, mit etlichen schottischen Melodien, der eigentlich aus zwei Märschen (dem «Whisky» und dem «Soda») besteht, wird oft als Startpunkt für das moderne Repertoire betrachtet.[10] Mit seinen neuen Harmonien, sowie den damals neuen Synkopen, war er die Sensation schlechthin. Leider wurden jedoch nicht alle Neuerungen so erfolgreich aufgenommen wie der «Whisky-Soda». Beispielsweise, das von George Gruntz 1966 komponierte «Nunnefirzli» brauchte über zwanzig Jahre bis es mit seinen extravaganten Rhythmen und jazzigen Harmonien in der Basler Fasnachtswelt Fuss fassen konnte. Nennenswert in Bezug auf diese beiden neuen Märsche ist jedoch ihre, dem Marschschema treubleibende Form. In puncto Form bleibt folglich alles beim Alten.[11]
In den folgenden Jahren wurden die Instrumente – die Basler Piccoli – verbessert. Mit diesen neuen, präziseren Instrumenten, liess sich auch musikalisch mehr Gewagteres realisieren. Was dann von den Komponisten Maurice Rossel und Christoph Walliser gegen Ende der 1960er und Anfangs der 1970er Jahre auch getan wurde.[12] Beispielsweise war Christoph Walliser mit seinem 1970 erschienen «Dritt Värs» einer der ersten, der moll-Tonarten in die Basler Fasnacht brachte.[13]
Ebenfalls in dieser Zeit wirkte René Brielmann; er hat 1971 mit dem «Naarebaschi» einen Klassiker geschrieben, welcher heute beinahe jedes Cliquenrepertoire schmückt.[14] Nach seinem Debut schuf René Brielmann unaufhörlich an seinem musikalisch diversen Œuvre, bestehend aus Arrangements und Kompositionen. René Brielmann hat mit seinen neuen Melodien und Harmonien neue Massstäbe gesetzt, versuchte jedoch bewusst eher einfach und somit cliquentauglich zu komponieren. Er vermied deshalb waghalsige Kompositionen und Arrangements und hatte schlichtweg den Anspruch, dass seine Werke für die Mehrheit spielbar bleiben.[15]
In jenen Jahren der 70er und 80er erlebte das Pfeifen nun seine Hochzeit. Es wurden laufend neue Märsche und Stücke veröffentlicht und das Repertoire begann stark zu wachsen. In dieser Blütezeit kamen dann aus der sogenannten «wilden» Fasnachtsszene die Zierstimmen auf. Diese begannen ganz schlicht mit Improvisationen einzelner Pfeifer*innen, welche diese improvisierten Stimmen dann teilweise niederschrieben. Diese wurden anfänglich verpönt; fanden jedoch mit der Zeit immer mehr Anklang und gehören heute fast schon zum Musikbild dazu.[16]
In diese Hochphase fallen auch die ersten Versuche das Basler Piccolo mit anderen Instrumenten zusammenzubringen. So führte das Trio «Piccolopiano» 1976 im Charivari erstmals Piccoloklänge mit Klavierbegleitung auf,[17] welche weitgehend von Robi Juen arrangiert oder komponiert wurden. Was damals sensationell, einzigartig und neu war, klingt für heutige Verhältnisse eher bescheiden. Ein beachtlicher Höhepunkt dieser musikalischen Vereinigung der Basler Piccoli mit anderen Instrumenten ist die, von Michael Robertson arrangierte Symphonie «Charivallegro», welche 1989 als Schlussnummer des Charivaris aufgeführt wurde.[18] Diese Fusion von klassischer Orchester-Musik mit traditionellen Fasnachtsmärschen war einzigartig; stiess dementsprechend auch auf begeisterte Reaktionen. Heutzutage ist es in vielen Vorfasnachtsveranstaltungen gang und gebe, solche Kombinationen von diversen Instrumenten mit dem Basler Piccolo aufzuführen, womit die Grenzen des Basler Piccolos regelrecht ausgelotet werden.
In der heutigen Zeit umfasst das Repertoire alle erdänklichen Melodien, seien das Arrangements von bekannten Melodien oder komplett neue Kompositionen. Bei diesen neuen Märschen wird meist die traditionelle Marschform vernachlässigt und die typischen Taktarten (2/4 und 6/8) werden teilweise mit den in der Marschmusik unbekannten Taktarten wie dem 3/4 –Takt ergänzt. Ein Beispiel dafür ist der im 2008 erschienene Marsch «FyyrVogel» von Michael Robertson, welcher dort den 3/4 –Takt einsetzte. Weiter gibt es eine Tendenz zum Neuen, Experimentellen und Anspruchsvollen, welche intensiv von Beery Batschelet geprägt wurde. Vorbildhaft hat er bei seiner Komposition, dem «Summervogel», welcher 2001 erschienen ist, bewiesen. Damit bricht er gekonnt und bewusst jegliche Parameter eines traditionellen Fasnachtsmarsches.[19]
Diese neuen, anspruchsvollen und auch teilweise zum Marschieren auf der Strasse ungeeigneten Kompositionen, werden in der Vorfasnacht liebend gern zum Besten gegeben. Solche Uraufführungen gibt es mittlerweile fast jährlich und so kann sich längst nicht jeder Marsch durchsetzen und verschwindet nach seiner Aufführung leider auch schnell wieder. Genau diese Vielfalt der Märsche führt dazu, dass gewisse ältere Kompositionen nicht mehr gespielt werden und in Vergessenheit geraten.
Mit dieser Website versuchen wir nun erstmals diese diversen Kompositionen für das Basler Piccolo zu sammeln und schlussendlich für weitere Generationen zu erhalten. Die Sicherung und Bewahrung der Vielfalt der Literatur, die speziell für das Basler Piccolo geschrieben wurde, ist unser Ziel und wir möchten sicherstellen, dass in Zukunft keine Neukompositionen verloren gehen.
[1] [4] [5] [6] [8] [11][13] [16] [19] Batschelet, 2009
[2] [3] Wyler, Das Pfeifen
[5] [7] [9] [10] [12] [14]Batschelet und Ramseyer, 1996
[14] [15] Fuchs, 2003
[17] Faes, Piccolopiano
[18] Faes, 1995
Quellenverzeichnis
Batschelet, 2009
Bernhard «Beery» Batschelet, Trommeln und Pfeifen in Basel. Stillstand oder Fortschritt, in: Basler Fasnacht – Vorwärts, Marsch! – ‘Lääse! Loose! Luege!, 2009.
Batschelet und Ramseyer, 1996
Berhard «Beery» Batschelet und Urs Ramseyer, Trommeln und Pfeifen in Basel. Ursprünge, Entwicklungen und Perspektiven (CD-Booklet), 1996.
Faes, 1995
Armin Faes, 20 Johr Glaibaseler Charivari (CD-Booklet), 1995.
Faes, Piccolopiano
Armin Faes, Piccolopiano (LP).
Fuchs, 2003
Silvia Fuchs, René Brielmann. Komponist vieler Baseler Fasnachtsmärsche, in: Tambourmajor. Das informative Magazin, 2 (2006), S. 10-11.
Wyler, Das Pfeifen
Raymond Wyler, Das Pfeifen, in: D’Harlekin (LP).